Warum Schimmel keine Frage der Heizung ist
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Wer Schimmel an einer Außenwand sieht, hört meistens denselben Ratschlag: mehr heizen, mehr lüften. Das greift zu kurz. Ob Schimmel wächst, entscheidet nicht die Raumtemperatur, sondern die Temperatur der raumseitigen Bauteiloberfläche — und die kann deutlich unter der Raumluft liegen, ohne dass es jemand merkt.
Der Grenzwert steht in einer Norm, und er ist überraschend hoch
DIN 4108-2 fordert im Bereich von Wärmebrücken an der ungünstigsten Stelle der raumseitigen Oberfläche einen Temperaturfaktor von fRsi ≥ 0,70. Der Faktor ist dimensionslos und beschreibt, welcher Anteil der Temperaturdifferenz zwischen innen und außen an der Oberfläche noch ankommt:
fRsi = (θsi − θe) / (θi − θe)
Die Randbedingungen des Nachweises sind für Wohnnutzung festgelegt: 20 °C Innenluft, −5 °C Außenluft, 50 % relative Raumluftfeuchte, höchstens 80 % relative Feuchte an der Bauteiloberfläche. Setzt man das ein, ergibt sich eine Mindest-Oberflächentemperatur von 12,6 °C.
Diese 12,6 °C sind keine gerundete Konvention. Sie folgen aus der Magnus-Formel: Bei 20 °C und 50 % Raumluftfeuchte beträgt der Wasserdampfdruck 11,66 hPa. Die Oberflächentemperatur, bei der dieser Dampfdruck 80 % des Sättigungsdampfdrucks ausmacht, liegt bei 12,62 °C.
Warum der Taupunkt die falsche Messlatte ist
In der Praxis wird oft der Taupunkt herangezogen — die Temperatur, bei der die Luft gesättigt ist und Wasser ausfällt. Bei 20 °C und 50 % relativer Feuchte liegt er bei 9,3 °C.
Die Schimmelgrenze liegt aber schon bei 12,6 °C, also 3,3 Kelvin darüber. Wer auf sichtbares Kondensat wartet, wartet zu lange. Die Verbraucherzentrale formuliert es so: „Ab etwa 70 bis 80 Prozent direkt an einer kühlen Wand können Schimmelpilze wachsen. Dafür muss sich die Wand weder feucht anfühlen noch Kondenswasser sichtbar sein.”
Die 80-Prozent-Regel ist eine Dauer-Regel
Der Schimmelleitfaden des Umweltbundesamtes ist an dieser Stelle präzise. Die Feuchtegrenze, unterhalb derer unter sonst optimalen Bedingungen kein Wachstum stattfindet, liegt bei etwa 70 % relativer Feuchte an der Oberfläche. Zwischen 70 und 80 % reicht es aus, wenn die Feuchte „über längere Zeit einwirkt” — Materialien müssen dafür nicht sichtbar nass sein. Über 80 % wachsen nahezu alle innenraumrelevanten Arten.
Die Arten unterscheiden sich dabei erheblich. Angegeben wird das als aw-Wert, der dem Zahlenwert der relativen Oberflächenfeuchte geteilt durch 100 entspricht:
- Aspergillus restrictus — ab aw 0,70 bis 0,75
- Aspergillus versicolor — ab 0,78
- Penicillium chrysogenum — ab 0,78 bis 0,81
- Cladosporium cladosporioides — ab 0,86 bis 0,88
- Stachybotrys chartarum — erst ab 0,94
Der Nachweis rechnet bewusst mit dem ungünstigen Fall
Ein Detail, das leicht übersehen wird: Im Schimmelnachweis wird der raumseitige Wärmeübergangswiderstand mit Rsi = 0,25 m²K/W angesetzt — fast doppelt so hoch wie die 0,13 m²K/W der U-Wert-Berechnung.
Das ist kein Fehler, sondern Absicht. Der höhere Wert bildet den behinderten Wärmeübergang ab: in Raumecken, an Kanten, hinter Möbeln, hinter Vorhängen. Genau dort, wo Schimmel zuerst auftritt, kommt weniger Wärme aus dem Raum an der Oberfläche an.
Das erklärt auch, warum Schimmel typischerweise in Ecken und hinter Schränken beginnt und nicht mitten auf der freien Wandfläche.
Was das für die Praxis heißt
Drei Dinge lassen sich daraus ableiten:
- Die Oberflächentemperatur ist die Messgröße, nicht die Raumtemperatur. Ein Infrarot-Thermometer an der kältesten Stelle sagt mehr als jedes Raumthermostat.
- Die relative Raumluftfeuchte verschiebt den Grenzwert. Steigt sie von 50 auf 60 %, steigt auch die erforderliche Mindest-Oberflächentemperatur. Der Nachweis gilt nur unter seinen Randbedingungen.
- fRsi ≥ 0,70 bedeutet nicht „kein Schimmel”. Es ist eine Mindestanforderung unter genormten Bedingungen an der ungünstigsten Stelle — kein Freibrief und kein Planungsziel.
Und die Nutzung?
Ehrlichkeitshalber: Das Umweltbundesamt systematisiert die Ursachen von Feuchteschäden ausdrücklich in bauliche und nutzungsbedingte. Wer behauptet, Schimmel habe nie etwas mit Heizen und Lüften zu tun, verkürzt genauso wie die Gegenseite.
Der Punkt ist ein anderer: Wenn die Oberflächentemperatur baulich unter dem Kriterium liegt, lässt sich das durch Nutzerverhalten kaum noch ausgleichen. Dann hilft kein Lüftungsprotokoll, sondern nur eine Veränderung am Bauteil.
Quellen
- DIN 4108-2 — Wärmeschutz und Energie-Einsparung in Gebäuden, Mindestanforderungen an den Wärmeschutz. Hinweis: Seit Mai 2026 gilt die Fassung 2026-05, die 2013-02 ersetzt; Tabelle 3 wurde neu gestaltet.
- Umweltbundesamt, Leitfaden zur Vorbeugung, Erfassung und Sanierung von Schimmelbefall in Gebäuden (2017), Kap. 1.2 und Tabelle 3
- Verbraucherzentrale NRW, „Wohnen ohne Schimmel”, S. 6
- Deutscher Wetterdienst, Wetter- und Klimalexikon, Stichworte „Relative Feuchte” und „Taupunkt”
- Landeshauptstadt München, FES-Infoblatt zum Mindestwärmeschutz nach DIN 4108-2
Die Zahlenwerte in diesem Beitrag sind Rechenwerte nach Norm unter den genannten Randbedingungen. Sie sind keine Messwerte an einem konkreten Gebäude und keine Zusage für ein Bauvorhaben.